Die Stampel Tagebücher
Wer ist Peter Stampel? Eine gute Frage. Sie zu beantworten ist nicht
leicht. Versuche es trotzdem mal. Peter Stampel ist 45 Jahre alt,
Trinker, wettsüchtig und hat schlechte Manieren. Peter Stampel würde
diese Frage nicht beantworten. Er würde einen dicken Grünen hoch ziehen
und ihnen vor die Füße rotzen. Das ist Peter Stampel. Peter Stampel
schlägt Frauen. Pter Stampel steht dazu. "Wenn sie es brauchen kriegen
sie's ob sie's wollen oder nicht. Und jetzt hör auf mich so'n Scheiß zu
fragen. Schalt den Scheiß Rekorder aus. Hörst du nicht was ich sage?
Mach das Scheiß Ding aus. Du verfickter Penner schalt das Ding aus."
Dann hört man nur noch schrecklichen Lärm auf dem Band des
Diktiergerätes. Mit einem rohen Steak kühle ich meine geprellten
Wangenknochen. Peter Stampel ist ein Schläger. Ein reudiger Straßenköter
und er stinkt. Aber Peter Stampel hat ein Tagebuch geschrieben.Peter
Stampel hat's nicht so mit dem Schreiben und er drückt sich sehr direkt
aus. Andere sagen er sei ein ungehobeltes Schwein, dass nichts kann
außer Ärger machen. Aber er hat ein Tagebuch geschrieben. Was können wir
von Peter Stampel lernen? Wahrscheinlich nichts. Oder doch alles? Keine
Ahnung. Telefon klingelt.
Es war Peter Stampel. Schrie mich an, dass ich eine gottverdammte Hure
sei. Dann hat Peter Stampel aufgelegt.
Warum Peter Stampel uns sein Tagebuch zur Verfügung stellt? Keine
Ahnung. Wahrscheinlich haben ihn die zehn Mücken gelockt, die ich ihm
dafür geboten habe. Noch bevor ich die ersten drei Einträge gelesen
habe, hat er die zehn Dollar versoffen.
Telefon. Peter Stampel nochmal. Diesmal weint er. Will sich das Leben
nehmen. Doch vorher will er's noch einmal einer Frau richtig besorgen.
Ob ich eine kennen würde. Dann sagt er, dass er auf Hundsfotzen wie mich
scheißen würde. Er kotzt. Er sagt dann, dass er gerade gekotzt hat.
Peter Stampel schreit "Leck mich" und legt auf. Peter Stampel wird sich
nicht umbringen. Denn Peter Stampel ist nicht kleinzukriegen.
Jakob Warner Witherspoon, New York, 25. März 1978
21.5.1976
Hi ich bin's, Pete. Ich sags dir besser gleich: Ich weiß nicht mal warum
ich mit dieser Tagebuchscheiße anfange. Komme mir vor wie ein
bescheuertes 14-jähriges Mädchen ausm' Internat. Und nur dass du's
weißt, ich werde dich niemals liebes Tagebuch nennen. Ich nenne dich
einfach Jack. Ich hatte mal nen Kumpel namens Jack, aber der hat sich
totgesoffen, das arme Schwein. Naja, jetzt bist du eben Jack. Heute is'
es ungewöhnlich heiß. Ich schwitze wie ein Rollbraten. In dem Appartment
hier gibt's keine Klimaanlage und mein Ventilator is' auch hinüber. Ich
hör mal auf, hab eh keine Ahnung was ich hier schreiben soll.
21.5.1976
Hi Jack, ich bins nochmal. Hab gerade gemerkt, dass du nichts über mich
weißt. Vielleicht sollte ich dir wenigstens ein bisschen was erzählen,
damit du weißt welcher Säufer dich vollschmiert. Ich heiße Peter
Stampel. Früher war ich Schreibwarenverkäufer in Conneticut. Aber vor 14
Jahren bin ich nach New York gekommen. Damals war ich um die 35. Ich
wollte hier was erreichen. Aber glaub mir eins Jack, der American Dream
ist nichts als ein Eimer voll dampfender Scheiße. Vom Tellerwäscher zum
Millionär? Pah! Ich kam als selbstständiger zufriedener Mann und heute
bin ich ein armer Penner, der jeden Cent versäuft. Aber ich beschwere
mich nicht. So ein Leben ist auch nicht schlechter als das des
Millionärs. Vielleicht aufregender sogar. Der größte Unterschied ist
wahrscheinlich, dass sich Donald Trump einfach mit einem viel teureren
Stoff voll laufen lässt als ich. Aber ich schweife ab.
Ich habe hier nichts erreicht. Ich wohne in einer Bruchbude am Eastend
von Brooklyn, nahe der Bahnlinie. Es ist laut, es ist dreckig und es ist
vielleicht der einzig ehrliche Ort, an dem man in diesem stinkenden
Riesenapfel wohnen kann. Ich sag mal so: Wohnst du lieber an einer
schönen Stelle des Apfels und fürchtest dich davor, dass sich der
Schimmel bis zu dir ausbreiten könnte, oder bist du lieber gleich selbst
der Schimmel und breitest dich aus? Eben. Hier wohnt der Abschaum der
größten Nation der Welt. Huren, Spieler, Säufer. Hier könnten sie alle
Peter Stampel heißen. Hier heißen sie alle Peter Stampel.
Mittwoch, 21. Dezember 2005
Warum Tauben niemals irren. . .
Gernot hatte es satt. Zum wiederholten Male hatte er eine große Plastik im Auftrag der Provinzstadt in der er lebte entworfen. Und nun das! Kaum war die feierlich Übergabe zwei Wochen her, hatten die Tauben das Monstrum aus rostfreiem Stahl schon zugeschissen. Tauben irrten nie! Irgendwo hatten sie sogar recht. Denn genauer betrachtet war der Stahlkoloss kein Kunstwerk, sondern einfach nur hässlich. So hässlich, dass es gerade gut genug war, um den Tauben als Abladeplatz für ihre Verdauungsprodukte zu dienen. Gernot sah das natürlich nicht so und machte sich gerade daran, an seinem freien Samstag die Exkremente von dem Mahnmal zu kratzen. Hatten diese blöden Tauben denn gar kein Kustverständnis? Wahrscheinlich hatten sie mehr davon als Gernot ahnte. Denn keine 200 Meter entfernt stand eine Wunderschöne aus Stein gehauene Statue, die eine griechische Göttin zeigte. Seit über 200 Jahren stand sie in der kleinen Stadt und hatte noch nie auch nur einen Krümel Taubenkot abbekommen. Nur einmal hatte ein kurzsichtiger Schmutzfink darauf geschissen, was er aber sehr bereute. Gernot war so gut wie fertig mit seiner Arbeit. Ein letztes mal polierte er die Stahloberfläche des Bogens, schon glänzte das Monstrum wieder wie gewohnt. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Hunderte von Tauben stießen zu dem Kunstwerk herunter und luden alles ab, was an Kot in ihren kleinen Taubenkörpern zu finden war. Sie schissen das Ding von oben bis unten zu. Einige der Tauben steckten sich noch im Flug einen Flügel in den Schnabel und steuerten Erbrochenes bei, um ihrer eindeutigen Meinung Gehör zu verleihen. Gernot kapitulierte. Er warf Lappen und Scheuermilch in die Ecke und während er wütend mit seinem Auto davon fuhr murmelte er immer wieder "Verdammte Scheiße".
Dinner bei Buddha
Der liebe Gott ließ sich erschöpft auf einen Sessel neben der Damenumkleide fallen. Seit Stunden war er bereits mit seiner Frau unterwegs. An die 14 Geschäfte hatten sie bereits abgeklappert. Und nun saß er bei Peek und Cloppenburg in der Abteilung für Damen-Hosenanzüge und seine Frau konnte sich nicht zwischen 4 ,für den lieben Gott identisch aussehenden, schwarzen Modellen mit feinen Bronzefarbenen Nadelstreifen entscheiden. Warum tat er sich das an? Er, der er in sieben Tagen Kontinente geschaffen hatte. Er müsste nur mit den Fingern schnipsen und schon hätte seine Frau die schönsten Kleider, die es überhaupt gibt am Leibe. Aber nein, sagte sie, dann würde sie die Kleider ja nicht zu schätzen wissen. Er hatte nach gegeben, war er doch ein gütiger und milder Herrgott. Trotzdem brodelte es in ihm. Er hasste einkaufen. Überhaupt fand er, dass ein Sessel in der Damenumkleide nicht der richtige Ort für ihn war. Er hatte noch soviel zu tun. Viel lieber hätte er ein, zwei Wunder vollbracht oder irgendeine Holzstatue von Maria weinen lassen. Oder wenigstens einen Wirbelsturm auf den Weg geschickt, damit die Menschen wieder an seiner Existenz und Güte zweifeln konnten. Aber hier rumsitzen und alle paar Minuten "oh das steht dir gut" sagen, dass wollte er definitiv nicht. "Hör endlich auf zu murren", rief seine Frau aus der Kabine. "Du weißt genau, dass ich für das Essen mit Buddhas was zum anziehen brauche". Jaja, dachte Gott und gab Ruhe. Dabei hatte er auch auf das Essen mit Buddha und seiner Frau keine Lust. Da gab es bestimmt wieder Tofuburger und grünen Tee. Buuaääh! Und der kleine fette Glatzkopf würde wieder dumm grinsen und versuchen alles Leid dieser Welt zu ertragen. Pfui! Da lobte er sich doch sein wöchentliches Treffen mit dem Satan. Der verstand wenigstens was von Parties. Da wurde immer gegrillt und der Alkohol floss in Strömen. Und bevor Gott geheiratet hatte, griff er auf Satans Parties auch gerne auf die dort zur Verfügung stehenden Frauen zurück. Und als er sich an all diese wilden Abende erinnerte, hatte er noch weniger Lust mit Buddha zu dinieren. Buuaääh! Dachte er. Da wird ja das Essen welk, wenn man sich nicht beeilt. Da hätte er viel lieber mit Vishnu und der indischen Götterbande gefeiert. Dort saß er oft mit den Gottheiten zusammen und sie rauchten dicke Joinst, hörten die Beatles, Bob Dylan und die Rolling Stones. Es gab dort sehr leckere Curry-Gerichte und seine Frau verstand sich auch prächtig mit Frau Vishnu. Vishnu hatte ihm mal erzählt, dass er Buddhas Fraß auch nicht mochte. Reis mit Algenratatui... Buaääh! Aber am allerliebsten speiste Gott mit Jawe, dem jüdischen Gott und Allah. Oft lachten sich die drei richtiggehend schlapp darüber was der Papst erzählte. Besonders wenn er mal wieder etwas von "Gottes Vertreter auf Erden" sagt, war die Stimmung am besten. Auch verstanden die drei nicht so recht, warum sich die Menschen in ihrer drei Namen bekriegten. Sie hatten doch gar keine Streit miteinander. Noch nicht einmal im Fußball waren sie uneins. Alle drei hatten sie eine Dauerkarte von Armina Bielefeld. Gott freute sich schon auf das nächste Heimspiel, denn diesmal war Allah dran mit Bier holen und Würstchen kaufen, da würde er keine Szene des Spiels verpassen. Beim letzten Mal hatte er Versorgungsdienst und das entscheidende 2:1 verpasst. Im Kopf ging er schon mal die Fangesänge durch und freute sich. Aber mit Buddha essen... darauf hatte der liebe Gott keine Lust. Absolut nicht. Da roch es auch immer so aufdringlich nach Räucherstäbchen. Seine Frau war schon wieder in der Kabine verschwunden. Der Herr langweilte sich. Also schuf er einen kleinen Kometen, der nahe an der Erde vorbeiflog und ließ ihn von ein paar Forschern entdecken. Morgen würde er sich die Bild-Zeitung am Kiosk kaufen und nachsehen ob die wieder den Weltuntergang prophezeien würde. An den Kiosk ging er gern. "Zum runden Eck" hieß der Kiosk von Klaus. Klaus kannte den Herrn schon seit Jahren, doch er behandelte ihn auch nicht anders als die anderen Kunden. Er war deshalb der einzige Sterbliche, der den lieben Gott duzen durfte. Dort kaufte er morgens die Bild-Zeitung und trank mit Klaus eine Flasche Bier. Der Klaus hatte sie immer bereit stehen und fragte jeden morgen "Solln wa ne Runde Weihwasser trinken?" und das taten sie dann auch. Ja der Klaus war ein feiner Kerl. Ihn hatte er auch schon zu den Gelagen bei Satan mitgenommen. Und auch Vishnu hatte er Klaus schon vorgestellt. "Ich brauche noch Schuhe. Weißt du wo es hier Schuhe gibt?" riss Frau Gott ihren Göttergatten aus den Gedanken. Natürlich wusste er das, schließlich war er allwissend. "Ja zwei Etagen höher", rief er ihr kleinlaut zu. Dieser Tag wollte niemals enden. Und dann noch Buddhas Tofugericht. Buaääh.... (Fortsetzung folgt)
Mittwoch, 14. Dezember 2005
Spiel mir kein Lied vom Tod
Es regnete. Müde öffnet die Spaßgesellschaft ihre Augen. Aus! Alles war aus. Die Spaßgesellschaft war am Ende. Träge schleppte sie sich ins Bad und putzte sich die Zähne. Diesmal jedoch nicht wie zu ihren besten Zeiten mit einer roten, geleeartigen Erbeerpaste. Nun da sie am Ende war musste wieder die ganz normale weiße Minzzahncreme genügen. Die Spaßgesellschaft atmete tief aus. Ein resignierendes "Ach ja" entfuhr ihr auf dem Weg zum Frühstückstisch. Pumpernickel mit Salami und sauren Gürkchen standen bereit, der viel zu schwache Kaffe konnte den Kater auch nicht beseitigen. Der Spaßgesellschaft brummte der Kopf, sie war in die Jahre gekommen. Wehmütig dachte sie an ihre Glanzzeiten zurück. Als sie mit Millionen von jungen Leuten im Ecstasy-Rausch Loveparades und Technoparties gefeiert hatte. An die Zeiten, als Wirtschaftsbosse zusammen mit ihr und den Betriebsräten Spitzennutten an Traumstränden konsumierten. Sie dachte zurück an all die schönen Stunden mit Musikern, Filmemachern und Werbemanagern, mit denen sie wild drauf los gekokst hatte, als würde dieser Traum aus Geld, sinnlossem Prassen und Sorglosigkeit nie mehr enden. Als sie täglich beim Anblick des Dax in Verzückung geriet und mit den Stars der New economy St. Tropez unsicher gemacht hatte. Niemanden traf das Ende der Spaßgesellschaft härter als sie selbst. Was sollte sie denn nur machen? Sie hatte doch nichts gelernt. Ihre Eltern, die Nachkriegszeit und die 68er-Generation hatten sie immer wieder ermahnt etwas zu lernen. "Dann hast du was in der Tasche", hatte die Nachkriegszeit immer wieder zu ihr gesagt. "Und danach kannst du dich immer noch selbst verwirklichen. Mit Bildung stehen dir alle Türen offen", hatte sie die 68er-Generation immer wieder ermutigt. Doch die Spaßgesellschaft hatte beide ignoriert. Was wussten die denn schon, hatte sie sich gedacht. Danach verschwand sie meist in Großraumclubs und schlürfte Wodka-Redbull. Manchmal bekamen sie ihre Eltern wochenlang nicht zu sehen. Irgendwann war sie ihren Kinderschuhen entwachsen und bezog eine Penthouse-Wohnung in Berlin. Sie konnte sich gar nicht genug ergötzen an ihrem flachen LCD-Riesenfernseher, der Bang und Oluffsen-Dolby-Surround-THX-Stereoanlage und an ihrem ersten Benz. Wie lächerlich erschienen ihr die Eltern, die mit dem Reihenhäuschen, dem ganz normalen Grundigfernseher, dem alten Plattenspieler und dem Ford Escort zufrieden waren. Und die wollten ihr sagen wo es lang ging? Pah. Doch an diesem Morgen wurde der Spaßgesellschaft klar, dass sie ausgespielt hatte. Sie wollte an diesem Morgen einen Termin beim Arbeitsamt wahr nehmen. Dort hatte sie sich zu einer Umschulungsmaßnahme angemeldet. In den kommenden Wochen würde sie von der Spaßgesellschaft zur neuen Bescheidenheit ausgebildet. Hätte sie doch nur etwas anständiges gelernt...
Montag, 07. November 2005
Miezi
Miezi war ein armer Tropf. Fachlich gehörte er zweifelsohne zur Elite. Mit Diagrammen, Analysen und Zahlen jonglierte er in schwindelerregenden Höhen und mit einer Routine, die Beachtung fand. Seine Vorträge schossen stets weit über das Ziel hinaus, seine Chefs waren sehr zufrieden mit ihm. Dennoch - und diese Erkenntnis tat weh - war er ein Trottel. Nicht die Art von Trottel, die bei Regen den Schirm vergisst, die das Autoradio geklaut bekommt oder die wichtige Unterlagen verschlampte. Nein, nein. Seine Welt war soweit in Ordnung. Er war akkurat, zuverlässig, gebildet und hatte was drauf. Aber er war ein Trottel. Denn menschlich - und das war die eigentliche Tragödie seines kümmerlichen Daseins - war er ein Totalschaden. Man konnte ihn nicht ernst nehmen. Wer hört schon auf einen der Miezi heißt? Miezi, damit lockt man Katzen an. "Miez, miez, miez. Komm her. Miezi, Miez." So einem vertraute man sich doch nicht an. So einen lud man nicht spontan zum Kegeln ein. Und vor allem mied man Gespräche mit so einem. Vor allem wenn sie über das fachliche hinaus gingen. Miezi war sich dieser Situation nicht bewusst. Klar war ihm klar, dass er mehr drauf hatte als die anderen. Und es gefiel ihm, dass sie seine Hilfe suchten, standen sie vor schier unlösbaren Problemen. Dann konnte er wieder seine durchdachten Ansätze aus dem Ärmel schütteln. Doch dass diese Menschen Heuchler waren, weil sie ihn nur kontaktierten, wenn sie ihn brauchten, dass fiel Miezi nicht auf. Er war eben ein Trottel. Konnte man den anderen aus der Abteilung überhautp einen Vorwurf machen? Miezi redete komisch, war - mit Verlaub - potthässlich und versprühte den spröden Charme einer Einbauküche. Nein, ein Player war er gewiss nicht. Auch kein Partyhengst und erst recht kein Frauentyp. Er war nocht nicht einmal Fußballfan oder halbwegs trinkfest, was ihn wenigstens bei den Männern beliebt gemacht hätte. Er war eben ein Trottel. So ein richtiger. So einer der immer noch über Merkels Frisur lachte und so einer der immer noch dachte, dass er den Bogen raus habe. Er war so einer, der dachte, dass der Konsum von mehr als sieben Bier am Freitag-Abend ein Ereignis war, mit dem er beeindrucken könne. Er war so einer, der sich immer noch daran festklammerte, dass die Klassenschönste aus der Neunten damals einmal mit ihm im Kino war. Er war eben ein Trottel. Das wäre wohl noch Jahre so weitergegangen. Doch eines Tages wurde er befördert. Kurz darauf zog er für die Firma drei wichtige Projekte an Land. Dank seiner berufliche Fähigkeiten stürzte er die Karriereleiter im Eiltempo hinauf. Schließlich, er war noch keine dreißig, war er bereits Vorstandsmitglied, Einkommensmillionär, Porschefahrer. Von da an hatte er keine Probleme mehr damit ein Trottel zu sein. Er hatte plötzlich Freunde, die das Wochenende mit ihm verbrachten und er hatte heftigen Sex mit der Klassenschönsten aus der Neunten. Die Mitarbeiter seiner ehemaligen Abteilung krochen ihm in den Hintern und als sie fast alle einen besseren Posten bekamen, waren sie sich einig. "Miezi ist ein feiner Kerl, der vergisst seine Wurzeln eben nicht." Leider merkte er auch nicht, dass er immer noch derselbe Trottel war, und dass er immer noch auf die Heuchler hereinfiel. Aber nun hatte er wenigstens genug Geld und Macht, um auch als Trottel beliebt zu sein
Der Tag an dem die Provinz geschlossen wurde
Berlin. Wie die Bundesregierung soeben mitgeteilt hat, wird die Provinz als solche bis auf weiteres geschlossen. Alle Bewohner der Provinz müssen mit Zwangsarbeit und Folter rechnen . . . Eine Meldung wie ein Paukenschlag. Walter wusste zunächst gar nicht was er tun sollte. Irgendwie musste er den Provinzmief von sich abstreifen. Doch das war gar nicht so einfach. In seinem Friesennerz, den gelben Gummistiefeln und den grünen Latzhosen sah er wie ein lebendes Klischee aus. Sein zu diesem Zeitpunkt ungemein ratloser Gesichtsausdruck tat das übrige. Und zu allem Unglück fing es auch noch an zu regnen. Walter legte die Zeitung bei Seite. Langsam erhob er sich von der grünen Couch, die mit massiven Eicheholzlehnen und Füßen ausgestattet war. Dann fiel sein Blick auf den röhrenden Hirsch auf dem Bild über dem Fernseher. Oh je! Er musste sich tarnen und zwar schnell. Er rannte zum Bahnhofsviertel der kleinen Stadt. "Kokain, ich brauche Kokain", dachte er immerfort. Nur so konnte er glaubwürdig einen Stadtmenschen, einen weltoffenen Kosmopolit, kurz diese Art von Spinner die man hier auf dem Land so hasste, verkörpern. Doch zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass im Bahnhofsviertel keine Drogendealer anzutreffen waren. Zumindest nicht mittags um zwölf. "Mist, diese Fernsehkrimis werden auch immer unrealistischer", schimpfte Walter in Gedanken. Er beschloss mit dem Zug in die nächstgrößere Stadt zu fahren. Hamburg war sein Ziel. Am Schalter bestellte er bestimmt und großstädtische eine Fahrkarte. In Hamburg angekommen fuhr er mit der Straßenbahn nach St. Pauli. Dort hatte er mehr Glück. Schon nach wenigen Metern wurde er gefragt "Brauchst du?". Und wie er brauchte, keiner mehr als er. Er musste unbedingt eine Nase voll nehmen, bevor die Regierungsbeamten herausfinden würden, dass er einen alten Dieselbenz fuhr. Ja als koksnäsiger Werbemanager da konnte er dann behaupten, dass sei der neue Style und total Retro. Also schnell her mit dem Zeug. Wieder am Provinzbahnhof und um einiges ärmer angekommen schlich er sich nach Hause. Hoffentlich sah ihn keiner, er hatte ja immer noch sein Postkarten-Outfit an. Daheim kleidete er sich so schrill und unkonventionell wie möglich. Jeans, gelbes Hemd, rotes Sakko und zwei unterschiedlich farbene Socken gaben ihm das Gefühl, nicht mehr ganz so provinziell daher zu kommen. Und wenn die Beamten nach seiner spießigen Wohnumgebung fragen würden, dann würde er einfach sagen, dass er als Creative Head einfach ein dröge Umwelt bräuchte, da ihm ansonsten, auch vom vielen Kokain- ja das würde er besonders betonen- der Kopf platzen würde. Ja, das würden sie schon schlucken, denn so einen Stuss erzählten die Städter betsimmt den ganzen Tag. Es schüttelte ihn. Was, wenn er wirklich so werden würde? Ein dem Geld nachhechelnder Wichser, der Porsche und Kaviar für den einzigen Grund hält zu leben. Er schüttelte sich wieder. Es klingelte. "Sie kommen", entfuhr es ihm. Er nahm eine Prise Kokain und schnupfte sie. Uh wie das kribbelte. "Hoffentlich war das nicht zuviel", dachte er, hatte aber keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Als er zur Tür kam stand seine Nachbarin vor ihm. Sie wolte eigentlich nach zwei Tassen Zucker für den Sonntagskuchen fragen, doch Walter machte ihr Angst. Sie ging wieder. Nach einer Stunde begann das Kokain zu wirken. Walter wurde hibbelig und aufgredreht. Plötzlich verschwamm allles..... Als Walter wieder zu sich kam lag er nackt im Hühnerstall. Er wusste es noch nicht, aber er würde in die Geschichte des Dorfes eingehen. Und zwar als der Mann, der am ersten April den schlechten Scherz der Lokalzeitung nicht verstande und im Kokainrausch seine 12 Hühner und einen Hahn zu Tode gepimpert hatte.
Deutsche Rentner oder Der Kaputtmacher
Eine Riesenscheiße ist das. Wenn ich noch könnte wie ich wollte. Die Herren da oben, die meinen wohl sie hätten die Weisheit gepachtet. Früher war das so aber nicht. Ich zieh dir gleich die Ohren lang. Aber Hallo. Die Politiker die machen sich ja doch nur selbst die Taschen voll. Fünf Euro das waren mal zehn Mark, zehn Mark ! So schlecht war der Adolf auch wieder nicht. Samstags wird die Straße gekehrt. Eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet. Jungs weinen nicht. Ich fahre Opel, Farbe grau, Automatik. Der Schwarzwald ist genauso schön wie Spanien. Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ein bisschen anpassen muss man sich schon. Ein gutes Pils braucht sieben Minuten. Heidewitzka Herr Kapitän. Wir brauchten damals keine Computer. Nicht so laut, was sollen sonst die Leute denken. Studentenpack, alles langhaarige Bombenleger. Die spritzen sich doch Haschgift. Der Stoiber der haut wenigstens mal auf den Tisch. Immer nur dieses Bumm Bumm, dabei gibts so schöne Volkslieder. Tu mir mal noch 'nen Korn. Immer nur McDonalds fressen, kein Wunder dass die Jugend immer blöder wird. Sieht nach Regen aus. Aber beim nächsten mal da sag ich dem meine Meinung. Ich bin Hausbesitzer. Meine Hämorhiden bringen mich noch um. Um zwölf Uhr gibt es Essen. Mit dieser Jugend werden wir auch keinen Krieg gewinnen. Klopapier is auch schon wieder alle. Ich schufte den ganzen Tag, dass wir was zu fressen haben und die Alte sitzt faul rum. Der Schwarzenbeck das war ein Fußballer. Ach wenn ich den Gottschalk schon sehe. In der Bildzeitung hat gestanden, dass 2037 die Welt untergeht. Helga ich glaub mit meinem Herz ist was nicht in Ordnung. Helga! Helgaa! Ich, Ich hab da so ganz furcht.................
Freitag, 04. November 2005
Video killed the radio star - zu recht!
7.30 Uhr. Der Wecker geht an. Radiowecker versteht sich. Da ist Musik drin. "Don't cha" von den Pussycat Dolls ertönt. Scheiße! Schon wieder ein Tag im Arsch. Noch bevor er angefangen hat. Und regnen tuts auch noch. Nicht dass das Lied mir besonders missfällt. Nein, nein das ist es nicht. Formatradio heißt das Zauberwort. Ein Zauberwort der schwarzen Magie (Magie immer eine gute Suppe - schlechter Gag ich weiß) wohlgemerkt. Formatradio spielt nur die Lieder, die laut Marktforschern am liebsten gehört werden. Drehen zu viele Leute bei einem Lied den Empfänger ab, ist es weg vom Fenster. Formatradio ist also der kleinste gemeinsame Nenner unseres Geschmacks. Die große Koalition der Musikhörer sozusagen - kein Wunder das da nur Müll rauskommt. Denn wenn diese Gülle die da den ganzen Tag im Radio läuft unser kleinster gemeinsamer Nenner ist, dann heißt das ja auch,dass wir uns nur auf gaaaanz tiefem Niveau einigen können. Dabei kann man den Radiomachern, diesen Chartschergen, nicht mal einen Vorwurf machen. Solange die Werbegelder fließen, scheißen sie unsere Gehörgänge auch weiterhin mit Jeanette Biedermnann, Alexander Klaws und die Firma zu. Doch diese Hot Rotation schlechter bis ganz schlechter Songs hat ja auch eine große sozialpolitische Dimension. Durch die Tantiemen an die "Künslter" (ja, sich derart im Popbuisiness zu prostituieren ist auch eine Kunst), ist die Altersvorsorge der B-Prominenten von morgen gesichert. Und lieber sehe ich Jeanette knapp bekleidet in ihren Musikvideos, als ungeschminkt im Dschungel Maden fressen. Dennoch frage ich mich, warum die Radiomacher auf diese Umfrage-Institute hören. Hat man nicht bei der letzten Bundestagswahl gesehen, dass die total daneben lagen? Vielleicht ist der kleinste gemeinsame Nenner gar nicht Robbie Williams sondern Tocotronic. Nicht auszudenken was los wären, wenn die Analysen gar nicht stimmten. Sind wir am Ende gar diesen Geschmacksnazis auf den Leim gegangen? Wollen die Plattenfirmen vielleicht deshalb nur unteres Mittelmaß verkaufen, damit nicht auffällt, dass die wahren Rock und Popperlen nur spärlich gesät sind? Da bleibt nur eins: Abschalten und die mit Liebe aufgenommen Mix-Casette ins Autoradio schieben. Da weiß ich wenigstens wer für die Scheiße, die da läuft verantwortlich ist.
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